Jugendsommercamp kehrt nach 40 Jahren nach Deutschland zurück
Vom 18. bis 25. Juli organisiert die Bewegung für den Sozialismus (BfS) aus der Schweiz gemeinsam mit der ISO in Deutschland das 41. Sommercamp der Vierten Internationale.
Text von Emil Höllein
Das Jugendsommercamp der Vierten Internationale kehrt nach 40 Jahren nach Deutschland zurück, wo es erstmals 1981 stattfand. Bereits damals gab es eine Zusammenarbeit von den Vorgängerorganisationen der ISO (damals die Gruppe Internationale Marxisten) und der BfS (damals Sozialistische Arbeiterpartei/Parti Socialiste Ouvrier).
Das Ziel des Sommerlagers ist die internationale Vernetzung der jüngeren Mitglieder (bis 30 Jahre) der Organisationen aus der revolutionär-marxistischen Tradition und interessierter Sympathisant:innen.
Solidarisches Prinzip
Das Camp hat ein solidarisches Finanzierungsprinzip: Menschen, die aus reicheren Ländern kommen, zahlen mehr Beiträge als solche aus ärmeren Staaten. Zudem gibt es eine Campwährung, deren Tauschkurs sich nach dem Lohnniveau der Herkunftsländer der Delegationen richtet.
Das Programm versucht, dies auf verschiedenen Ebenen zu ermöglichen:
Es gibt Vorträge von Aktivist:innen aus dem Umfeld der Vierten Internationale und Workshops, organisiert von den verschiedenen Delegationen des Sommercamps. Die Workshops reichen von Theorie über Erfahrungsberichte von politischer Praxis bis zu praktischen Workshops (beispielsweise darüber, wie eine Küche für alle organisiert wird).
Zudem gibt es Austauschtreffen, so genannte Interdelegationstreffen zwischen den verschiedenen Delegationen. Dabei tauschen sich die Delegationen über den jeweiligen Kontext in ihren Ländern und Organisationen aus. Darüber hinaus gibt es permanente Kommissionen, in denen sich Delegationen zu spezifischen Themen austauschen, um voneinander zu lernen.
Zum Programm gehört aber auch ein lockerer Teil, der ebenso wichtig für die Vernetzung ist: ein gemeinsamer Singabend mit revolutionären Liedern aus verschiedensten Ländern, Rallies mit Reden zu verschiedenen Themen und thematische Partys.
Teilnahme außereuropäischer Gäste erschwert
Das Sommerlager hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Einerseits sind die in der Vergangenheit großen Delegationen (aus dem Spanischen Staat, Frankreich und Italien) eher kleiner geworden, andererseits haben sich kleinere Delegationen vergleichsweise vergrößert. Dadurch ist der Austausch zwischen den Delegationen enger.
In diesem Jahr nehmen unter anderem Genoss:innen aus dem Spanischen Staat, Deutschland, Frankreich, England, Schottland, Irland, Dänemark, Schweden, Österreich, Portugal, Rumänien, Ukraine, den Niederlanden, Malta, Serbien, der Türkei und Argentinien teil.
Es wird versucht, Genoss:innen aus dem Irak, Algerien, Marokko, Pakistan und den Philippinen eine Teilnahme zu ermöglichen. Aufgrund der derzeitigen massiven globalen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit hängt hier die Teilnahme von der Visumsvergabe ab.
Austausch zu spezifischer Unterdrückung
Eine Entwicklung vieler Jahre politischen Kampfes sind auch die zahlreichen für Genoss:innen mit spezifischen Unterdrückungserfahrungen geschaffenen Räume. So gibt es beispielsweise Austauschmöglichkeiten für rassifizierte Genoss:innen und trans Genoss:innen. Dies hat dazu geführt, dass eine marxistische Auseinandersetzung mit verschiedenen Unterdrückungsformen weiterentwickelt wurde. Auch konnte und kann damit die Auseinandersetzung mit der Reproduktion von Unterdrückungsformen innerhalb von linken Organisationen, auch unseren eigenen, gestärkt werden.
Vielfältiges Programm
Das diesjährige Programm beginnt mit einem Tag zu Antiimperialismus und Antifaschismus. Es knüpft an die Ereignisse der letzten Monate und Jahre, die massive Zuspitzung der imperialistischen Spannungen an. Unsere Antwort darauf ist ein solidarischer Antiimperialismus: So sind wir beispielsweise sowohl gegen den Bombenterror der USA und Israels als auch gegen das iranische Regime, dass noch zu Beginn dieses Jahres Tausende mutige Demonstrant:innen ermordet hat.
Aufstieg der Rechten wird analytisiert
Neofaschismus, die extreme Rechte und autoritäre Herrschaftsformen sind in vielen Ländern auf dem Vormarsch. In immer mehr Ländern kommt die extreme Rechte an die Macht. In anderen Ländern setzen angeblich „moderatere“ Regierungen die Forderungen um, die noch vor einigen Jahren noch zurecht als rechtsextrem galten.
Inmitten dieser Entwicklungen versuchen wir zu analysieren, wieso es zu diesen Entwicklungen gekommen ist und wie wir dagegen kämpfen können. Zudem gibt es viele Workshops, die verschiedene Themen behandeln, darunter die Kolonialgeschichte Belgiens im Kongo, die Protestbewegung gegen die Regierung in Serbien und die diesjährigen Proteste gegen den G7-Gipfel in Evian.
Feminismus, queere Befreiung und Ökosozialismus
Am zweiten Tag wird im Rahmen des Tages zu Feminismus und queerer Befreiung die Perspektive der Abschaffung der Familie thematisiert. Es gibt auch Workshops zu feministischer Selbstverteidigung, zur feministischen Bewegung im Iran oder zur transfeministischen Bewegung in Argentinien.
Am dritten Tag wird im Rahmen der Ökologie der Begriff des Ökofaschismus als Erweiterung des Verständnisses des fossilen Backlashs eingeführt. In den Workshops werden Themen wie Ernährungssicherheit und ökologische Klassenpolitik behandelt.
Am vierten Tag steht die Bedeutung antirassistischer Kämpfe in Zeiten der völligen Normalisierung rassistischer Hetze von der Sozialdemokratie bis zur extremen Rechten im Fokus. Am selben Tag wird über den Aufstieg der neuen internationalen faschistischen Bewegung und unsere Strategie dagegen diskutiert. Es werden Workshops zu rassistischer Polizeigewalt, Islamophobie und Bewegungsfreiheit für alle Menschen angeboten.
Das Sommerlager endet mit einem fünften Tag, der sich mit gewerkschaftlicher Arbeit befasst, und einem sechsten Tag, der sich mit Strategie und Organisierung befasst. Hierzu gibt es beispielsweise Workshops zur Mieter:innengewerkschaft in Katalonien, zu Arbeitskämpfen in Ländern des ehemaligen Ostblocks oder zur kritischen Auswertung der Aktivitäten in breiten linken Parteien (beispielsweise Podemos).
Das internationale antikapitalistische Sommercamp ist ein Ort für gelebten Internationalismus, für Austausch und Vernetzung. Es können langfristige Verbindungen entstehen, die eine wichtige Grundlage für internationale Vernetzung, Debatten und Zusammenarbeit bilden.
Emil Höllein lebt in Zürich und ist Mitglied der Bewegung für den Sozialismus (BFS). Er ist aktiv in der Jugendgruppe und in der Vorbereitungsgruppe für das Sommercamp.